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Von Harvard nach Bonn

US-Eliteuni schickt Studierende an den Rhein

Sheila Rodger (20) und Brandon Geller (21) haben im Sommer ihren Studienplatz in Harvard für zwei Monate gegen einen Aufenthalt an der Uni Bonn getauscht: Sie gehörten zu den insgesamt 11 Studenten der renommierten US-Hochschule, die am neuen Bonner „Life Science and Culture“-Programm teilnehmen durften (siehe Kasten).

Frank Luerweg hat sich mit der Kanadierin und dem US-Amerikaner unterhalten:

Sie waren während der Fußball-WM hier – hat es Ihnen gefallen?

Brandon: Fußball ist mein Lieblingssport; das ist ein Grund, warum ich hier bin (lacht). Die USA hatte natürlich eine sehr schwere Gruppe, aber später habe ich einfach Deutschland die Daumen gehalten.

Sheila: Wir haben häufig in den Biergärten Fußball geschaut. Das war eine nette Zeit! Schön an der WM war, dass es so leicht war, mit Leuten in Kontakt zu kommen.

Warum sind Sie nach Bonn gekommen?

Sheila: Mich hat die Möglichkeit gereizt, wissenschaftliches Arbeiten mit einem Sprachkurs zu kombinieren. Ich studiere in Harvard neben meinem Hauptfach Biochemie auch Deutsch, daher fand ich das interessanter als einen rein wissenschaftlichen Kurs.

Brandon: Mein Großvater kommt aus Österreich, daher interessiert mich die Region. In den USA habe ich schon ein Semester Deutsch gelernt, wollte mich aber verbessern. Selbst meinen Computer habe ich inzwischen auf Deutsch umgestellt. Es hat auch geklappt, ich spreche nun viel flüssiger. (lacht) Die Leute im Labor haben mir sogar Rheinisch beigebracht: ‚Mach keine Fissematenten‘.

Hatten Sie neben Laborarbeit, Sprachkurs und den Angeboten zu Deutscher Geschichte und Kultur auch noch Zeit, Deutschland in der Praxis kennenzulernen?

Sheila: Während der Woche war das Programm schon straff. Darunter waren aber auch viele Exkursionen: Zum Brühler Schloss zum Beispiel oder nach Trier. An den Wochenenden hatten wir oft Zeit für eigene Pläne.

Brandon: Ich bin dann beispielsweise nach Düsseldorf gefahren und habe mich dort mit einem Freund getroffen, einem Münsteraner, der mal in Harvard gearbeitet hat.

Wenn Sie die Uni Bonn mit der in Harvard vergleichen: Wo sehen Sie die Hauptunterschiede?

Sheila: Harvard ist eine Campus-Universität. Dort ist alles zentraler. Ob Studentenwohnheime oder Sportanlagen – alle Einrichtungen sind auf dem Campus. Auch beim Studium gibt’s Unterschiede: Hier spezialisiert man sich schon zu Studienbeginn und hört dann beispielsweise nur noch Vorlesungen in Biologie. Bei uns belegt man anfangs neben seinem Hauptfach auch noch Kurse in Geschichte, Englisch oder Ethik.

In Harvard spürt man auch mehr „Team spirit“, eine größere Verbundenheit zur Uni. Das hat wahrscheinlich mit der großen Konkurrenz unter den Hochschulen zu tun – allein in Boston gibt es 40 Colleges. Außerdem legt man Wert auf Traditionen wie das jährliche Football-Spiel zwischen Harvard und Yale oder die feierliche Verabschiedung der Graduierten. Das macht in Deutschland nur die Uni Bonn, oder?

Brandon: Eigentlich war ich erstaunt, wie ähnlich sich die Universitäten Harvard und Bonn sind. Aber es stimmt schon, man fühlt sich bei uns seiner Uni mehr verbunden. Jedes amerikanische College hat seine eigenen Baseball-Kappen, T-Shirts oder Becher. Hier sieht man das kaum. Als mich mal ein paar deutsche Studenten mit einem Becher der Uni Bonn sahen, haben sie mich ganz erstaunt gefragt, wo ich den her habe... Ich weiß aber nicht, ob es schlecht ist, dass die Identifikation mit der Uni in Deutschland nicht so stark ist wie bei uns.

Was fanden Sie besonders gut?

Sheila: Jeder von uns hat ja einen deutschen „Buddy“ an die Seite bekommen, und die haben viel mit uns gemacht: Gegrillt, uns mit zu Veranstaltungen genommen, Deutsch mit uns gesprochen... Die Buddys waren wirklich nett!

Was ist für Sie typisch deutsch?

Sheila (lacht): Wurst. Und die Vorliebe für Bier. Außerdem beginnt der Tag hier früher als bei uns.

Brandon: Typisch deutsch? Ich glaube nicht, dass es so etwas gibt. Eher im Gegenteil: Ich war geschockt, als ich Deutsche traf, die kein Fußball mögen. Ich hatte gedacht, die Fußballbegeisterung sei typisch deutsch!

 

Life Science and Culture

Bei dem zweimonatigen Angebot für amerikanische Elitestudenten ist der Name Programm: Zwei Drittel ihrer Zeit verbringen die Teilnehmer im Labor, wo sie an aktuellen Fragestellungen aus den Lebenswissenschaften arbeiten. Dazu kommen aber noch – neben einem rund 50stündigen Intensiv-Sprachkurs – Angebote zu deutscher Geschichte, Kultur und Gesellschaft und jede Menge Exkursionen. In diesem Jahr stand beispielsweise eine Schiffstour auf dem Rhein oder ein Besuch beim Kloster „Maria Laach“ auf dem Programm, während die Studierenden im Haus der Geschichte die jüngeren deutschen Entwicklungen nachvollziehen konnten. Insgesamt 11 Teilnehmer zählte das Angebot bei seiner Premiere im vergangenen Sommer; eine Wiederholung wird es im kommenden Jahr geben. Bonn gehört damit zu den wenigen Universitäten weltweit, denen die Harvard-Universität ihre Studierenden anvertraut – „eine erfreuliche Bestätigung für das Renommee, das Bonn auch im Ausland als Forschungsuniversität genießt“, so Rektor Professor Dr. Matthias Winiger. Organisiert wurde das Angebot vom Dezernat für Internationale Angelegenheiten und dem LIMES-Zentrum („Life and Medical Sciences“); der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) unterstützt es finanziell.

Quelle: forsch spezial, März 2007, Seite 27

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